Diskurs


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Ringeln und Saftlecken: von spannenden Verhaltensweisen und kontroversen Meinungen…

Wer mit offenen Augen durch den Wald geht, entdeckt früher oder später Bäume, die regelmässig angeordnete, meist horizontal verlaufende kleine „Löcher“ im Stamm oder in grösseren Ästen aufweisen (vgl. Bild 1). Manchmal bilden diese Löcher um den Baum herum verlaufende Ringe, weshalb in Fachkreisen von „Ringeln“ gesprochen wird. Dieses Verhalten wird den Spechten zugesprochen. Unter den einheimischen Spechten produziert vor allem der in Bergwäldern vorkommende Dreizehenspecht auffällige und regelmässige „Ringe“. Aber auch im Flachland sind Ringelspuren zu finden, die manchmal nur aus wenigen Löchern bestehen, und hier vor allem von Buntspecht, seltener auch vom Mittelspecht in die Rinde gehackt werden. Das Ringeln ist in der Neuen Welt hingegen weiter verbreitet als bei uns.

 

Über die Bedeutung des „Ringelns“ ist im deutschsprachigen Raum ein interessanter Diskurs entbrannt. Während langer Zeit wurde davon ausgegangen, dass die Spechte durch das Ringeln versuchen, an den im zeitigen Frühjahr von den Wurzeln in die Kronen aufsteigenden Baumsaft zu gelangen (z.B. 

Winkler et al. 2002 in Handbook of the birds of the world, vol. 7). Dieses „Saftlecken“ genannte Verhalten lässt sich besonders gut bei einigen nordamerikanischen Spechten beobachten, den „Saftleckern“, was zur „Saftlecker-Theorie“ bzw. auch „Saftgenuss-Theorie“ geführt hat. Bei diesen Arten scheint klar zu sein, dass sie gezielt Baumsaft aufnehmen, auch weil sie eine für ebendiese Tätigkeit spezialisierte Zunge aufweisen. Der Baumsaft scheint bei diesen Arten einen bedeutenden Teil der Ernährung zu bilden (Winkler et al. HBW).

Ob die Aufnahme von Baumsaft auch bei uns der Grund ist, warum einige einheimische Arten ringeln, wird seit dem Erscheinen des Buchs von Dengler (2012) kontrovers diskutiert. Diese Arbeit hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen (z.B. Glutz 2012, Günther 2014, Weiss 2015, Winkler 2014 - siehe Downloads am Ende des Artikels). Klar scheint derzeit nur zu sein, dass dieses spannende Thema das Potenzial hat, zu polarisieren.

 

Die Fachgruppe Spechte regt an, den Themen „Ringeln“ und „Saftlecken“ künftig mehr Beachtung zu schenken. Es bedarf sorgfältiger, quantitativer Studien zum Verhalten der Spechte, insbesondere zur möglichen Relevanz des Baumsafts für die Ernährung der Vögel, aber auch generell zur Häufigkeit von Ringeln und Saftlecken in Raum und Zeit. Helfen würde zudem gutes Bildmaterial, das den Sachverhalt klar darstellt. Daneben wäre es wichtig, die Zusammenarbeit mit Baumphysiologen zu suchen, um die baumphysiologischen Gegebenheiten, und die Möglichkeiten, die sich daraus für die Spechte ergeben, besser zu verstehen.

Die Fachgruppe Spechte möchte dazu beitragen, dass dieses Thema sachlich angegangen und mit der notwendigen Wissenschaftlichkeit behandelt wird. Nur so, durch sachlichen und fundierten Dialog, der auf gegenseitiger Akzeptanz beruht, werden wir die Phänomene des Ringelns und des Saftleckens bei unseren einheimischen Arten wirklich verstehen können.

 

Sachliche Anmerkungen zum Thema nimmt das Sprecherteam der Fachgruppe sehr gerne entgegen. 


Bild 1: Ringelspuren eines Dreizehenspechts aus der Zentralschweiz. Foto: G. Pasinelli
Bild 1: Ringelspuren eines Dreizehenspechts aus der Zentralschweiz. Foto: G. Pasinelli
Bild 2: Foto: Austretender Baumsaft. Egbert Güntert
Bild 2: Foto: Austretender Baumsaft. Egbert Güntert


Rezensionen zu:

Klaus Dengler (2012): Thesen und Fakten rund um die Spechtringelung.

2 Bände mit CD. Schriftenreihe der Hochschule für Forstwirtschaft, Nr. 23, Rottenburg am Neckar. ISSN 0940-3698 

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Rezension Buch Dengler
Glutz 2012 Ornithol. Beob. Rezension Buc
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Rezension Buch Dengler
Günther 2014 Ornithol. Jber. Mus. Heine
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Rezension Buch Dengler
Winkler 2014 Anz. Ornithol. Ges. Bayerns
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Rezension Buch Dengler
Weiss 2015 Charadrius Rezension_Ringeln
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